Früher

Oldie-Welle im Radio, Retro-Look auf der Straße und früher war ja sowie so alles besser. Bisweilen drängt sich der Eindruck auf, die Gegenwart habe für uns jeden Liebreiz verloren. Von der Verderben bringenden Zukunft ganz zu schweigen: Klimawandel, Rente mit 67 und Boris Beckers dritte Biografie.

Also verkriechen wir uns mit Guido Knopp in die Nostalgie-Ecke von ZDF-History und schwärmen von den guten Tagen als -ph- nicht nur ein Wert, sondern in der Orthographie noch eine weit verbreitete Kombination gewesen war.

Könnte mir nicht passieren, dachte ich. Bis am Bahnsteig der Zug einrollte.

Ein Doppelstockzug war kaputt. Die Bahn schickte als Ersatz ein Modell für eine Reise in längst vergangene Zeiten. So eines, wie es für gewöhnlich nur noch im Herbst für Sonderfahrten nach Rüdesheim zum Einsatz kommt. Mit Tanzwagon für die bumsfidelen Kegelclubs.

Dieser Regionalexpress bot zwar keine Gelegenheit zum gepflegten Ringelpiez, doch dafür eine Menge anderer Vorteile: nur eine Ebene für die Fahrgäste, Fenster, die sich öffnen ließen, um frischen Fahrtwind hinein- und kalt gepressten Pendler-Mief hinauszulassen. Dazu: geräumige, grün gepolsterte Sitzgruppen mit mehr Beinfreiheit und eine Gepäckablage, die ihren Namen verdiente und deren Kapazitätsgrenze nicht gleich mit einer gefalteten Wochenzeitung erreicht war.  

 Früher war zwar nicht alles besser – manches aber schon.

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Mein lieber Mann!

Brauche ich einen Bart? Ich glaube, ich brauche einen Bart. Eine Mütze auch. Und einen Stoffbeutel. Enge Hosen. Schnell. Wenn ich all das besitze,  sehe ich endlich aus wie alle anderen Männer im Club. Ich rede nicht vom Treffen der Uniformdesigner Erik des Großen oder anderer Wikinger. Es geht um einen beliebigen Club mit schön Alternative- und Indie-Musik, wie sie an den Wochenenden in unseren Breiten aufgesucht werden. In meinem Alter kommt man ja nicht mehr so oft für die Tür. Deshalb war der jüngste Besuch einer Bar mit angeschlossener Tanzgelegenheit auch so schockierend.

Dort versuchen junge Zeitgenossen jeder für sich ganz außergewöhnlich auszusehen, total anders halt. Nicht so wie die Spießer. Auf jeden Fall cool und indifferent. Also Haare ins Gesicht! Und die auf dem Kopf werden von einer kunstvoll drapierten Wollmütze so bedeckt, dass der Pony keck hervorlugt. Bei gefühlten 35 Grad im Saal riecht das dann irgendwann wie Che Guevara auf der Flucht. Die dürren Beine stecken in so engen Jeans, dass um die Fortpflanzungsfähigkeit des Trägers ernsthaft gebangt werden darf. Umso labberiger ist T-Shirt mit einem sinnfreien schwarz-weißen Aufdruck. Nach Möglichkeit so weit ausgeschnitten, dass das Tattoo auf der Brust zu sehen ist. Im Club stellt man(n) dann fest, dass 80 Prozent sich für das gleiche Outfit entschieden haben. All das, liebe Hippster, ist ja schon schlimm genug. Aber was soll der Stoffbeutel? Im Club. Im Ernst: Damit geht man zum Rewe oder maximal ins Freibad…und vor allen Dingen: Was schleppt ihr darin herum? Kochbücher?

Eier?

Jajajaja, die Mode und so, mögen die Toleranten jetzt entgegnen. Das vergeht auch wieder. Vermutlich haben sie sogar Recht, denn in den USA, wo dieser ganze Hippster-Hype wurzelt, rennt man wieder ohne Mütze und Bart herum. Also, dann lass‘ doch gut sein, sagen die anderen.

Nein. Weil diese Mate saufenden Weichmacher sich auch noch darüber beschweren, dass die nicht-assimilierten Männer zünftig feiern. Mit allem was dazu gehört. Und brennender Schnaps gehört verdammt noch mal dazu!

Herbert Grönemeyer fragte einst singend: „Wann ist ein Mann ein Mann?“ An den Wochenenden des Jahres 2013 ist er’s jedenfalls nicht.