Sommerzeit

Diese Woche brachte zwei Erkenntnisse: Erstens, Kim Jong-Un gibt so schnell nicht klein bei und zweitens, Deutschland ist immer noch geteilt. Ich meine jetzt nicht geografisch, also in Aldi Nord und Aldi Süd, sondern zeitlich. Wenn selbst eine Flasche Klosterfraumelissengeist nicht mehr ausreicht, sich die monatelangen Winter-Depressionen wegzutrinken, dann erstrahlt am letzten März-Wochenende ein helles Licht am Ende des dunklen Tunnels. Die Sommerzeit kommt – aber nicht überall wird sie mit Jubel, Beifall und Straßenfesten begrüßt.

Denn mit ihr kommen auch die Diskussionen um die Sinnhaftigkeit der Zeitumstellung von 2 Uhr auf 3 Uhr auf. Die Argumente „länger hell” „Energieersparnis” und „wieso auch nicht” haben durch Studien an Legitimation verloren. Wissenschaftler warnen vor Beeinträchtigungen des Biorhythmus und weisen darauf hin, dass nicht unbedingt weniger Strom und Gas durch den Zähler gehen, nur weil es abends länger hell ist.

An der Wursttheke erzählen Menschen von ihren Gebrechen, die ihnen diese eine fehlende Stunde zufügt. Allein durch die ganze An-der-Uhr-Dreherei.  Es haben sich sogar Initiativen gegründet, die zur Abschaffung der Sommerzeit aufrufen. Ich selbst bin für diese Streitereien sogar dankbar, denn sonst würde ich den kleinen nächtlichen Zeitsprung regelmäßig verschlafen.

Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich mich eher als Anhänger der Sommerzeit bezeichnen. Das klingt doch schöner. Die Kombination der Worte Sommer & Zeit hat nach wochenlangen Minustemperaturen und eisigem Ostwind allein psychologisch eine große Wirkung. Das ist ein Signal: Leute, werft die Daunenjacken in den Keller und kauft euch Sandalen! Der Sommer ist unterwegs – wenngleich recht langsam…. Wobei man mit dem Tragen offenen Schuhwerks warten sollte, bis die letzte Salz- und Splittschicht mit Spezialhobeln von den Straßen abgetragen worden ist. Gibt sonst so hässliche Flecken an den Füßen…Die kriegt höchstens der Papst weggerubbelt. Aber der oberste Pedikeur der christlichen Welt ist ja auch nicht immer da wenn man ihn braucht.

Trotz dieser positiven Assoziationen ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Sommerzeit auch den einen oder anderen negativen Effekt mit sich bringt. So könnte trefflich darüber gestritten werden, ob das Vorstellen der Uhr in der Nacht zu Sonntag von 2 Uhr auf 3 Uhr nicht den Tatbestand des Diebstahls erfüllt. Schließlich wird ja eine Stunde gestohlen. Diese Stunde ist weg, so als hätte es sie nie gegeben. Selten passt der Satz „Wo ist nur die Zeit geblieben?” besser.

Jeder Mensch, der von Termin zu Termin hastet, weiß, wie kostbar Zeit ist. Da ist es nur verständlich, dass sich einige von ihnen aufregen, wenn jedes Jahr der Stundenklau aufs Neue beginnt. Mitbürger berichten von wochenlangen Schlafstörungen durch die Sommerzeit. Wobei ich das Argument eines Gegners, der an der Wursttheke berichtet, auf Grund des „gleißenden Lichts” im Sommer um 22 Uhr nicht einschlafen zu können, für ein wenig überdreht halte. Es gibt doch – Achtung Wortspiel – Rouladen…

Der Deutschen Bahn, die im Ruhrgebiet ohnehin von einer Verspätung zur nächsten zuckelt, fliegt der Fahrplan bei der Zeitumstellung vollends auseinander. Dann sind da noch die Schüler, die so gern eine Stunde länger schlafen würden. Schule um 9 statt um 8 Uhr. Jetzt müssen sie sogar noch eher aufstehen als im Winter. Aber wer kann dafür verantwortlich gemacht werden?

Aus der nordkoreanischen Sicht Kim Jong-Uns sicherlich der Imperialismus des Westens und sein ausbeuterisches kapitalistisches System. Aber deswegen gleich mit einem Atomkrieg drohen…?

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Kommando: Stühle ‚raus – der Frühling ist befohlen!

Da ist es wieder, dieses Kribbeln. Immer, wenn die Gastronomen des Reviers den Frühling befohlen haben, taucht es auf. Ganz gleich, ob der Winter schon längst der Vergangenheit angehört oder sich noch hartnäckig festkrallt: alles hört auf das Kommando: „Stühle raus!” Kaum, dass der letzte Schirm im Schneeregensturm umgeknickt ist, wird das Pflaster mit Sitzmöbeln voll gepflastert. Der Frühling ist da und Mensch will eben hinaus – ist doch so schön. Er lechzt nach den ersten Sonnenstrahlen und zweistelligen Temperaturen, obwohl letztere nicht unbedingt notwendig sind. Denn, dass Kälte kein Argument mehr gegen Outdoor-Beering ist, hat sich ja bereits im Winter gezeigt, als Kneipiers ihren Gästen das Pils am Pilz serviert haben.

Das Rauchverbot hat den Herstellern von Heizpilzen und Propangasabfüllern einen Traumabsatz beschert. Es soll sogar solche Lieferschwierigkeiten gegeben haben, dass sich Veranstalter von Kaffeefahrten vom Hotel- und Gaststättenverband genötigt sahen, ihre Seniorentouren abzusagen und die Heizdecken direkt am Lokal zu verkaufen. 

Aber gut. Sonne ist in unserem Land ja grundsätzlich positiv besetzt. Sie kitzelt so hübsch in der Nase. Und irgendwie hat es ja auch Unterhaltungswert, sich in der Mittagspause seinen Latte Macchiato mit Kartoffelsalat-Aroma nicht in dunklen Ecken einer amerikanischen Kaffeehaus-Kette schmecken zu lassen, sondern draußen am Brunnen oder auf dem Marktplatz. So wird man wenigstens Zeuge dessen, was sich die Leiter der Abteilungen Accessoires und Gedöns diverser Modehäuser an langen Winterabenden ausgedacht haben. Flanieren und studieren, heißt das Motto. Vielleicht sind in diesem Jahr Sonnenbrillen der letzte Schrei, die endlich das gesamte Gesicht bedecken. Schluss mit den faulen Kompromissen der letzten Saison, die großflächig Augen- Wangen- und Stirnpartie von gescheiterten DSDS-Bewerbern hinter Vollplastik versteckten. Ich empfehle Motorradhelme mit verdunkelten Visieren.

Tagsüber ist die Lust auf einen Platz an der Sonne, an frischer Luft noch nachzuvollziehen. Da wärmen selbst 6 Grad plus, wenn man windgeschützt sitzt. Aber abends? Da ist der Lorenz nämlich gerade auf dem anderen Teil der Erde damit beschäftigt, Getreidefelder auszudörren und der Frischegrad der Luft hat sich mittlerweile auf die Stufe „Artik” gesteigert.

Sie sind ein Phänomen des Frühlings, selbst, wenn er noch gar nicht begonnen hat: die wachsende Zahl der Bei-jeder-Temperatur-draußen-Sitzer. Da hocken sie dann, in Daunenjacken und flauschige Fleecedecken gehüllt und an Heizstrahlern schmiegend, zusammengerollt wie zu früh geborene Wolfswelpen unter Infrarotlampen und genießen den Abend. Schön der Frühling, ne? Ja, unbedingt, möchte man dann mit hochgeschlagenem Mantelkragen entgegnen, doch dieses Kribbeln in der Nase, das sich schnell in einem machtvollen und lauten Niesen entlädt, verhindert eine wohl artikulierte Antwort.

 Mir ein Rätsel, warum meine Nase läuft. Ist doch so schön draußen!

Hunde unter Hochdruck

Hunde unter Hochdruck

Dass solche Schilder überhaupt existieren, heißt ja wohl, dass irgendwann irgendwer seinen Köter mit ordentlich Druck durch die Waschstraße geblasen haben muss. Je nach Beschaffenheit des treuen Freundes kann ein solches Waschprogramm für das Tier durchaus finalen Charakter besitzen, zumindest aber höchst unangenehm sein.
Wer also den Unterboden seines Hundes nach dem strengen Winter von Salz und Splitt befreien möchte, versuche es bitte NICHT mit einem Hochdruckreiniger….sonst muss wieder die Feuerwehr kommen und den „Flughund“ aus dem Baum holen.

Aus der Reihe „Weisheiten“: Der Klügere gibt nach

Das erste Formel 1-Rennen dieser Saison hat mich ein wenig überrascht. Das heißt vielmehr der Ort. Dortmund. Innenstadt. Ich meine, dass der ganze Zirkus irgendwann wieder starten musste war ja klar, aber dass das erste freie Training auf der Lindemannstraße ausgetragen wurde, war mir neu.

Oder dreht RTL hier gerade eine Folge „Alarm für Cobra 11“? Zwei Männer jagen in ihren Autos durch den Stadtverkehr, als ob es gilt hinter Sebastian Vettel die beste Ausgangsposition für den Großen Preis von Australien zu ergattern. Entweder hat sie der erste zaghafte Versuch des Frühlings inspiriert, sich ebenfalls Bahn zu brechen oder beide versuchen den bei Männern bisweilen aufkommenden Wunsch nach dem Vergleich ihrer Geschlechtsteile mit Hilfe der Leistungsstärke ihrer Fahrzeuge nachzukommen. Offenkundig standen sanitäre Anlagen in unmittelbarer Nähe nicht zur Verfügung, wo ansonsten die aktuellen Tabellenstände ermittelt werden. Vielleicht ging der Raserei über zwei Spuren aber auch nur eine missverständliche Interpretation der Straßenverkehrsordnung eines der beiden sich offenbar in der Brunft befindlichen Kerle voraus. Man weiß es nicht. Jedenfalls lässt der Sternchen-Coupé-Fahrer den Rivalen am Steuer eines SUV aus Ingolstadt nicht einfädeln, was dieser jedoch gern tun würde. Denn seine Spur verwandelt sich in einen Ort für Linksabbieger, sein Ziel liegt jedoch geradeaus. Erst das rote Licht einer Ampel stoppt die Tollwütigen. Es kommt wie es kommen musste. Der SUV-Lenker steigt die Stufen aus seiner Führerkanzel herab, um dem Sportwagen-Fahrer auf die Fresse zu hauen. Der bleibt jedoch sitzen, es wird grün, viele andere Verkehrsteilnehmer hupen oder klingeln und verhindern so einen Anstieg der Kriminalitätsstatistik im Kreuzviertel. Dass Männer aber auch immer mit dem Kopf durch die Wand müssen…Wie bei mir neulich. Beim Joggen.

Plötzlich dieses Keuchen hinter mir. Jetzt nur nicht umdrehen, wer weiß, wer da gerade seine Hufe in den Rindenmulchboden meiner Laufstrecke gräbt. Auf jeden Fall holt der mich nicht ein!

Ja, ich laufe auch auf Rindenmulch. Bin doch nicht bekloppt und lege meine Meter auf Asphalt zurück. Zunächst einmal auf Grund der jüngsten Aussage meines Orthopäden, dass meine Knie für die eines 68-jährigen Fliesenlegers gar nicht so schlecht aussähen. Und dann natürlich auch deshalb, weil mit Blitzeis nicht zu spaßen ist.

Gott sei Dank hat ein schlauer Mensch mitten in dem Wald vor meiner Haustür diesen Rundkurs angelegt. Denn beim Rindenmulch weiß der Jogger, was ihn erwartet: 800 Meter gelenkschonender Belag. Mal matschig, mal fluffig, aber nie rutschig. Mein Orthopäde würde feuchte Augen bekommen. Ich mag Rindenmulch. Wenn Rindenmulch wählbar wäre, würde ich ihm zumindest für die Europawahl meine Stimme geben. 

Ehrlich gesagt, glaube ich aber nicht, dass die Bahn tatsächlich 800 Meter misst. Das wären ja zwei Stadionrunden. Dann hätten sie uns allen damals bei den Bundesjugendspielen übel mitgespielt. Ich kann mich nicht erinnern, diese Distanz jemals auf der Tartanbahn annähernd in olympiareifer Zeit zurückgelegt zu haben. Nun hat das lockere Getrabe auf Baumrindenschnipseln nichts mit einem Wettkampf zu tun, dennoch reiße ich eine Runde nach der anderen ab und wundere mich über die fehlenden Ermüdungserscheinungen. Kein Seitenstechen, kein Brechreiz. Also immer weiter, bis, ja bis tatsächlich die Beine müder werden. 

Genau in diesem Moment schnaubt etwas hinter mir. Muss sich dieser Stampfer ausgerechnet 20 Meter hinter mir überlegen, auf den Kurs zu gehen? Dabei wollte ich doch die letzten beiden Runden locker angehen lassen. Doch diesen Feierabend-Emil-Zatopek vorbeilassen? Niemals! Also, noch mal Tempo machen an den Steigungen. Aber: die Dampflok bleibt dran, treibt mich ohne Rücksicht auf ihre künstliche Herzklappen vor sich her – bis zum bitteren Ende nach Runde 12. Erschöpft am Ziel angelangt, wie nach einem Spaziergang mit Joey Kelly zum Nordpol, fällt mein Blick erstmals auf den Verfolger. Erwartet hatte ich einen lebenden Turnschuh. Zumindest aber einen Austausch-Studenten aus Äthiopien. Doch der zinnoberrot leuchtende Kopf und das schmerzverzerrte Gesicht des tropfnassen, nach Luft schnappenden Mittvierzigers zeigten mir, dass auch mein Verfolger nur ein Ziel hatte: der läuft mir nicht weg. Bescheuert. Das Sprichwort „Der Klügere gibt nach” kann nicht von einem Mann erfunden worden sein.

Gut, dass Autos im Wald verboten sind…

Zum Weltfrauentag

Das kann kein Zufall sein. Einen Tag vor dem Weltfrauentag am 8. März wird der Oberfrauenversteher Silvio Berlusconi zu einem Jahr Haft verurteilt, der polyamor lebende und somit Frauen verheizende Johannes Ponader hat bei den Piraten seinen Rücktritt angekündigt und die vom Stern und irgendwo ja auch Rainer Brüderle angezündete Debatte um Sexismus in der Gesellschaft wird neu entfacht. Ausgerechnet vom Bundespräsidenten und dem Otto-Versand.

Es war doch gerade Ruhe eingekehrt. Frauen begannen langsam wieder damit, Vertrauen zu Männern zu fassen, sie nicht nur als trieb gesteuerte Unterdrücker wahrzunehmen, die zu faul zum Kochen sind und beim Thema Klitoris an einen griechischen Fußballer denken. Da geht die ganze Chose wieder von vorne los. Sexismus allerorten. Und nur, weil unser Buprä vermutlich das erste und einzige Mal in seinem Leben ein bestimmt mit Bedacht gewähltes Wort im aktuell unpassendsten Kontext verwendet hatte, den er finden konnte. Er sagte im Interview mit dem Spiegel das Wort „Tugendfuror“. Oh, Mann. Ein Wort, das man eigentlich erst erfinden müsste. Er hätte auch Moralaposteln sagen können. Da wäre bei seinem beruflichen Hintergrund wenigstens von Anfang an klar gewesen, was er gemeint hat. So musste die ansonsten recht flott reagierende Twitter #Aufschrei-Truppe erst einmal ein paar Tage ins Land ziehen lassen, ehe sie sich darüber im Klaren wurde, dass sie sich durch die Aussage beleidigt fühlte.  Dabei äußerte Gauck doch Verständnis für die Frauen und wollte nur sagen, dass man es mit der Fülle der Sexismusvorwürfe bisweilen vielleicht auch übertrieben haben könnte. Das wäre natürlich zu lang gewesen. Also sagte er „Tugendfuror“. Bevor jetzt alle morgen zum dm rennen, um sich neue Zahnpasta zu holen, Furor hilft nicht gegen Paradonthose – ist aber auch nichts Schlimmes. Der Begriff kann in etwa sogar so viel wie „leidenschaftliche Hingabe“ oder „Lust“ bedeuten. Wenn Gauck meinte, dass das Thema wichtig und die Brisanz erkannt sei, jedoch bei aller Leidenschaft für die Sache auch irgendwann mal gut sein müsste, dann liegt er doch nicht sooooo falsch. Oder?

Nein(!), sagen hunderte Besucher der Facebook-Repräsentanz des Versandhändlers Otto. Der hatte nämlich ein hippes T-Shirt für Jugendliche in Deutschland und Österreich im Angebot auf dem draufstand: „In Mathe bin ich Deko“. Natürlich gab es dieses Kleidungsstück nur für Mädchen, so dass die Sexismus-Jägerinnen und –jäger schnell wieder Witterung aufgenommen hatten und einen Shitstorm starteten. Otto vorzuwerfen, Mädchen absichtsvoll in die Nähe von Mathelegasthenikern zu schneidern, ist natürlich absoluter Quatsch. Für Jungs gab es ähnliche Shirts. Ich glaub’ „Mathe-Allergiker“ war da zu lesen. Und selbst wenn nicht:  Kürzlich sind Mädels, junge und nicht mehr ganz so junge Frauen noch mit zu knapp sitzenden Textilien herumgelaufen auf dem Worte wie „Zicke“, „Hexe“, „Bitch“ oder noch schlimmeres aufgedruckt war. Freiwillig. Das war nicht nur völlig stillos, sondern sah’ auch noch scheiße aus. Dagegen ist das Mathe-Shirt geradezu originell. Wo ist der #Aufschrei, wenn man ihn wirklich braucht? 

Bin gespannt, was als nächstes passiert. Vielleicht eine Erdkunde-Reform, weil in geografischen Namen zu viel Sexismus gefunden wurde. Weg mit dem Jadebusen? Nieder mit dem Jungfraujoch? Den Titi-See austrocknen?

Was ich sagen will: Frauen, ihr seid toll. Genießt das doch endlich mal und kommt ein bisschen runter….Ihr riecht besser, seid schöner, einfühlsamer, multi-tasking-fähiger, belastbarer (mit Ausnahme von Chuck Norris), geschmackvoller, aufgeschlossener, flexibler und friedlicher als Männer. Und dann werdet ihr auch noch älter. Die Zeit spielt für euch. Ihr entert die Vorstände! Dafür braucht es keine Quote.

Wenn ihr jetzt noch den letzten sämigen Schluck aus der Saft- und Milchpackung trinken und nicht immer für eure Jungs übrig lassen würdet, dann wäre euch meine ewige Dankbarkeit gewiss. Aber das ist eine andere Geschichte…

In diesem Sinne, einen schönen Frauentag!

Fünf am Tag

„Fünf am Tag”, was zunächst nach dem Frauenverschleiß Silvio Berlusconis klingt, hat vielmehr etwas mit unser aller Gesundheit zu tun. Der Slogan „Fünf am Tag”, den auch der Allgemeinmediziner meines Vertrauens predigt, ging mir durch den Kopf, als ich in den vergangenen Tagen zum Fleischverzicht aufgefordert wurde. Schlimme Nachrichten über noch schlimmere Fleischpanscher, Hühnerwämser und Futtermittelvergifter haben einem ja jeden Schweinsbraten verleidet… Und zudem herrscht ja auch noch Fastenzeit. Also höchste Zeit, „Fünf am Tag” mal selbst auszuprobieren. Das heißt, fünf mal am Tag Obst und Gemüse zu sich zu nehmen. In Worten: FÜNF! Ist das überhaupt zu schaffen?

Manchem Kornhaus affinen Zeitgenossen mag vor dem Hintergrund dieser Frage der Bissen Papaya-Tomaten-Salat prustend aus dem Halse schießen. Aber mal im ernst, wem es gelingt, täglich fünf Mal am Tag Obst und Gemüse zu essen, sollte sich wirklich Gedanken um einen Platz auf der Landesliste der Grünen machen oder wenigstens einen Monatsbeitrag bei seiner

Krankenkasse zurückfordern. Denn, die einfache Regel Fünf am Tag zu befolgen ist gar nicht so einfach.

Direkt nach dem ersten Frühstück war ich bereits der Meinung, meinen Soll übererfüllt zu haben. Dann machte mich ein lieber Mensch darauf aufmerksam, dass 13 südafrikanische Weintrauben (die selbstverständlich ganz umweltfreundlich und Co2- neutral von Zugvögeln mitgebracht wurden) im Müsli leider nur ein Fünftel des Tagespensums ausmachten – und der Eiweißshake (Erdbeer-Geschmack) nach dem Sport nicht zähle…. Schade.

Um nun für den Rest des Tages keinen Fehler mehr zu begehen, musste ein Experte eingeschaltet werden. Google. Der bearbeitete meine Suche nach Informationen zu „Fünf am Tag” fast so schnell wie ein Minuten-Steak durch ist und spuckte mir eine Web-Seite aus, die – so ein Zufall – sich http://www.5-am-tag.de schreibt. Dort stehen Tipps für Schüler und Berufstätige, wie sie sich gesund ernähren und für den Einzelhandel, wie er seine Obst- und Gemüseabteilung amtlich pimpt. Wem also in dem Supermarkt um die Ecke bereits ein rot-orange-gelb-grüner Kreis an der Obst- und Gemüsetheke begegnet, der weiß: Der Marktleiter ist auf zack und hier bin ich richtig! 

Als Mensch in abhängiger Beschäftigung habe ich natürlich die Seite „5 am Tag Arbeitsplatz” angeklickt. Da ist für jeden was dabei. Zum Beispiel eine junge Frau, Typ Ärztin/Laserwaffen-Entwicklerin/Doping-Jägerin, die mit einem Apfel in der Hand zum Steinobst verführen will, ein Bauarbeiter mit einer Plastik-Banane in seinen Händen, die er wohl beim jüngsten Besuch eines Möbelhauses unauffällig aus der Wohnzimmer-Abteilung hat mitgehen lassen, und zu guter Letzt  eine Gruppe junger Grinsekatzen in Anzug und Kostüm, die sich auf die geglückte Wette auf Nahrungsmittel an der Börse erst mal einen Schichtsalat schmecken lässt. Ob man nun, wie die dort abgebildeten Muster-Malocher zur Frucht greift, ist wohl jedem selbst überlassen.

Also ’ran ans Werk und in der Kaffeepause Birne statt Schokolade in den geschundenen Arbeiterkörper hineingezwängt, um wieder zu Kräften zu kommen. Obst Nummer zwei. Abends gab’s dann vorweg Toast Hawaii, danach Ente a l’orange und zum Nachtisch einen leckeren Bratapfel. Puh. Geschafft. Fünf am Tag.

Es war hart, aber es geht.

Das Tomatensaft-Rätsel

Glühwein schmeckt nur im Winter lecker. Klar. Damit reiht er sich ein in die Reihe von Getränken, die beim Konsumenten nur saisonal oder an bestimmten Orten eine Geschmacksexplosion vom Gaumen bis ins Hirn hervorrufen. Im Fall des süßen Kopfschmerz-Beschleunigers wäre das zum Beispiel der Weihnachtsmarkt. Ebenso ist Almdudler nur was für die Berge. Und irgendwie kommt bei einem Gin Tonic auch mehr Stimmung auf, wenn sich gerade Elefant und Löwe am Wasserloch in der Savanne Gute Nacht gesagt haben, als beim Anblick eines öligen Barkeepers in Düsseldorf. So weit, so bekannt. Aber warum wird Tomatensaft ausschließlich an Bord von Passagierflugzeugen getrunken? Ein Phänomen, dem hier auf den Grund gegangen werden soll.

Um das Rätsel zu lösen, habe ich mich in den vergangenen Jahren mehrfach in die Sitzreihen der Economy-Class namhafter und weniger gut beleumundeter Fluggesellschaften gepresst. Egal, ob man mit angeschwollenen Füßen auf der Langstrecke neben einem Weltreisenden im ausgeleierten Che Guevara-T-Shirt sitzt, der all seine Habseligkeiten in einem Fjäll Räven-Rucksack im Handgepäck verstaut hat oder bei der verkaterten Rückkehr vom Skatabend auf Mallorca neben einem von Sonne und Alkohol ausgetrockneten Frührentner Platz nimmt – die Wahl des Sitznachbarn fällt zu 90 Prozent auf Tomatensaft.

Woher stammt also die Attraktivität dieses Getränks, das in den Niederlanden aus schnittfestem, rotem Wasser gewonnen wird? Um mir in der Begründung wirklich sicher zu sein, unternahm ich vor ein paar Tagen einen letzten Flug. Die große deutsche Fluglinie mit dem dürren Vogel hat mich von A nach B gebracht. A ist in diesem Falle Tallinn. B steht für Frankfurt. Als ich gerade meinen Körper eingeklappt und in eine dem Sitzen ähnelnde Position gebracht habe, werde ich Zeuge, wie brutal Flugreisen doch sein können. Eine Familie – Vater, Mutter, die in vielerlei Hinsicht auch als Großeltern durchgehen könnten sowie eine ziemlich erwachsene Tochter – werden auf Grund der späten Buchung ihres Flugs jäh auseinander gerissen. Die Tochter muss vor mir in der linken Sitzreihe, die ein wenig füllige Mutter direkt neben mir und der Vater rechts des Ganges die 1.45 Stunden überstehen. Ein bitteres Familienschicksal. Kurz vor dem Start drückt die Mutter noch einmal die Hand des Hefezopfes vor mir, um sich dann ihrem Kampf mit der FAZ zu widmen. Im Prinzip ja keine schlechte Zeitung, wenn man in einem Café allein an einem Vierer-Tisch bequem sitzt. Aufgeschlagen in einer Sitzreihe, die offenbar von Hobbits produziert worden ist, jedoch  kaum geeignet für einen konfliktfreien Flug. Ständig habe ich den schlaff der Schwerkraft folgenden Trizeps ihres halbnackten Oberarms im Gesicht. Statt mich laut zu beschweren, wähle ich die subtilere Variante. Ich gebe während des knapp 100 Minuten dauernden Flugs vier Mal vor, auf die Toilette zu müssen, so dass „Readers Dickest“ immer mal wieder aufstehen muss. Doch das Wabbel-Tentakel soll nicht der einzig unerfreuliche Augenblick zum Thema Ekel-Fleisch bleiben.

Denn als Mahlzeit wird eine heiße Pappschachtel gereicht. Als ich mich mit dieser ungewöhnlichen Speise schon angefreundet habe, entdecke ich den Ursprung der Hitze. Eine längliche Teigrolle, die auf den ersten Blick an Bifi-Roll erinnert. Und richtig. In der Weizenstange schlummern zu einer dunkelroten Wurst gepresste Tierreste. Diese als „frischen Snack“ zu deklarieren, ist angesichts der Fleischskandale der jüngsten Zeit  schon ein wenig dreist. Meine Sitznachbarin ficht das nicht an. Damit sie das Antibiotika-Zäpfchen oral überhaupt verarbeiten kann, bestellt sie als Getränk – natürlich – Tomatensaft. Auf den Schock nehme ich einen Wodka. Nein besser zwei.

Bis auf die baltischen Geschäftsleute im Heck, die ebenfalls ihr „Wässerchen“ ordern, wählt nahezu der komplette Rest der Reisenden einen Tomatensaft. So wie auf allen anderen Flügen auch, denen ich bisher beiwohnte. Und nun meine These, warum dieses Zeug hundertfach geordert wird: Es ist das schlechte Gewissen der Passagiere. Hat mancher Urlauber in den vergangenen Tagen allen Ratschlägen seines Internisten zum Trotz tüchtig an Bar und Buffet zugelangt und seiner Weightwatcher-Tabelle weniger Beachtung als die komplett renovierte Christine Neubauer geschenkt, will er nun mit dem Verzehr des Tomatensafts einen ersten Schritt in Richtung gesunder Ernährung tun. Oft ist dann der Satz zu hören: „Lecker, warum  kaufen wir den nicht auch zu Hause?” Weil er dann nicht getrunken wird! Denn häufig sind die guten Vorsätze schon bei der Landung wieder vergessen…

Entschlossen, dieses ungeschriebene Gesetz zu brechen, landete eine Liter-Packung Tomatensaft beim ersten Einkauf nach dem Aufsetzen im Wagen und danach in meinem  Kühlschrank. Da steht er heute noch, unberührt, gleich neben dem Glühwein.