Blatter hat Recht

Ich hätte nie gedacht, dass ich Fifa-Kaiser Sepp Blatter einmal Recht geben muss. Aber an einem Tag Ende Juli 2014 ist es soweit.

Viele Menschen mit Fahnen sind auf der Straße. Sie schreien, klatschen mit den Händen. Nein, WM ist vorbei. Demonstranten haben sich versammelt. In diesen Tagen ist klar: Deutschland kann sich dem Gaza-Krieg nicht entziehen. Auf der einen Seite demonstrieren Menschen gegen Bomben auf Gaza, auf der anderen gegen Raketen auf Israel. Beide haben Recht. Man beschießt seinen Nachbarn nicht. Man beschießt überhaupt niemanden!

Beide Seiten fordern Frieden. Die wenigsten Demonstranten haben direkt mit dem Elend in Gaza und der Angst in Israel zu tun. Sie solidarisieren sich. Manche wollen sich aber anscheinend einfach nur kloppen. Darunter einige mit bunten Sonnenbrillen, Tunnelohren sowie den üblichen Rechts-Links-Demo-Windbreakern mit eingebauter Vermummungskapuze und Hip-Bags.

Die hier nennen sich Anti-Deutsche. Es sind Menschen, die in Deutschland leben, hier womöglich kostenlos studieren, eine Ausbildung beginnen und sich somit auf ein erfolgreiches Berufsleben in Frieden und Wohlstand vorbereiten können – oder aber Sozialleistungen erhalten. Allesamt also Leute, die davon profitieren, in diesem Land aufzuwachsen. Dennoch lehnen sie ihre Heimat seit der Wiedervereinigung ab. Laut singen sie: „Nie wieder Deutschland“. Etwas leiser stimmen sie den Lobgesang auf „Bomber Harris“ an. Dessen britische Kampf-Flugzeuge hatten im zweiten Weltkrieg viele deutsche Städte zu Klump und Asche gebombt. Sie singen ihre Verse zu einem Zeitpunkt, an dem in Gaza und Israel Raketen und Bomben niedergehen. Wie gehirnamputiert kann man sein? Ich frage mich, für was oder gegen wen sie hier demonstrieren? Dann halten ein Transparent in die Höhe auf dem steht. „Einmal Auschwitz ist zu viel Solidarität mit Israel“. Selten passt der Satz: „Macht doch mal nen Punkt“ so gut wie an dieser Stelle. Nach dem „viel“ würde er sich gut machen. Aber deutsche Interpunktion ist schwierig. Vielleicht deshalb die Ablehnung…

Inzwischen stehen zwei Reihen Polizisten zwischen den etwa 20-25 Demonstranten auf jeder Seite. Noch ohne Helm, aber die Lage ist ein wenig gespannt. Schaulistige stehen am Rand des Treibens. Endlich mal was los in der Stadt. Die Luft riecht nach Testosteron. Man(n) und Frau wollen die Fetzen fliegen sehen.

Dann betritt der Weltmeister die Bühne.

Ein Mann, in eine Schmutz starrende Deutschland-Trikot-Nachbildung von 2006 gehüllt. Auf dem Kopf einen turmhohen Guiness-Bier-Hut und eine Sonnenbrille auf der Nase. In der einen Hand eine halbvolle Pulle Hansa-Bier. In der anderen einen Umschlag und Deo-Spray. Er gröhlt: „Der Weltmeister ist da“. Den Anwesenden gibt er zu verstehen, wie er mit dem WM-Sieg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft umzugehen gedenkt: „Ich bin vier Jahre Weltmeister. Da feiere ich nicht nur einen Tag. Vier Jahre!“ Die Bühne ist sein. „Warum immer bei uns?“, fragt er in Richtung der Demonstranten. Man habe hier genug Probleme. Er zum Beispiel: „Hier im Umschlag ist ne Rechnung über 780 Euro Nachzahlung. Zahlt ihr die?“ Ein ganzer Platz platzt vor Lachen. Zwischen seinen Botschaften versucht er den ihm vorauseilenden Bierdunst im Nebel seines Deodorants zu verschleiern. Mehrere Stöße aus der Dose eines bekannten Drogeristen umgeben den Weltmeister mit einem Duft, der nicht nur Frauen provoziert.
Was der Weltmeister aber schafft: für ein paar Minuten vergessen alle Krawallsucher den Krawall und alle Demonstranten, zu demonstrieren. Der Weltmeister schlägt die Brücke. Fußball verbindet. Das ewige Mantra der Fifa. Wenn Sepp Blatter das erfährt, er würde sich selbst zum Friedensnobelpreis vorschlagen.

P.S.
Leider ist der Frieden nicht von Dauer. Als der Weltmeister abgezogen ist, jagen sich die Kontrahenten quer durch die Stadt. Ein paar Experten wollen um jeden Preis eskalieren. Die Polizei kann das verhindern. Erst am Bahnhof endet dieses ideologisch aufgeladene Räuber-und-Gendarm-Spiel.

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