Auf der A40 morgens um halb sechs

Wer glaubt, nur in einem Schützengraben in Mogadischu lauert die Gefahr, war noch nie morgens um 5.30 Uhr auf der A40 unterwegs. Könnte der  Beiname „Ruhrschnellweg“ bei Tage für die häufig verstopfte Schlagader des Reviers nicht falscher gewählt sein, ist er bei Nacht durchaus zutreffend – ja fast eine Untertreibung. Rennstrecke wäre die richtige Bezeichnung. 

Beruflich bedingt muss ich in diesen Tagen das warme Bett ein wenig früher verlassen. Auf Grund der ungewohnten Situation und der noch halb geschlossenen Augen steuere ich mein sonst recht forsch am Gas hängendes Erzeugnis italienischer Ingenieurskunst behutsam durch die dunklen Häuserschluchten meiner Heimatstadt. Auf den Straßen herrscht so eine Ruhe, dass ich zweifle, überhaupt wach zu sein. Um mich herum eine von Menschen beinahe unberührte Atmosphäre. Vielleicht kommt ja gleich Will Smith um die Ecke. Mit einem Schäferhund. I am Legend. Grüß‘ dich, I am Gregor. ….Doch jäh werde ich aus den Träumen gerissen. Die Uhr zeigt 5.28 Uhr als das Leben so plötzlich über mich hereinbricht, wie neulich die nackte Melanie über den Bachelor.

Auf der Beschleunigungsspur auf die A40  muss ich schon in den Jet-Modus schalten, um mich wie vom Deck eines Flugzeugträgers in den Fluss der an mir vorbei fliegenden Fahrzeuge zu katapultieren. Es sind nicht viele Autos unterwegs, doch die wenigen, die an diesem noch ungegrauten Morgen um den Tagessieg der Etappe Dortmund-Duisburg streiten, sind verdammt schnell. Habe ich etwas verpasst, und das Canonball-Rennen führt in diesem Jahr mitten durchs Ruhrgebiet? Heute?

Im Schutze der Dunkelheit und wohl auch wissend, das sämtliche Polizisten des Landes gerade damit beschäftigt sind, ihren Schichtwechsel zu organisieren, jagen die Piloten ihre Rennmaschinen über den Flüsterasphalt. Flüsterasphalt? Ha! Angesichts des Dröhnens der Motoren ein schlechter Scherz. Selbst auf der rechten Spur ist das Tempo hoch. Selbst in den Baustellen. Wusste gar nicht, wie flott so ein 40-Tonner werden kann, wenn ihm Hartmut, Manfred oder Karl-Heinz – je nach dem auf wen das lustige Namensschild im Führerhaus zugelassen ist – auch nur kräftig genug die Sporen gibt. Du musst dich der Geschwindigkeit anpassen oder du wirst zermalmt, denke ich. Es gibt tatsächlich Autofahrer, die nicht wahrhaben wollen, dass aktuell das Gesetz der Straße gilt und Verkehrsminister Peter Ramsauer mit seinem neuen Bußgeldkatalog weit weg ist. Ihnen ergeht es schlecht.

Es scheint, der Brummifahrer hat entweder das Blut wilder Stiere getrunken oder mal wieder „Convoy“ geguckt. Er fühlt sich wie Kris Kristofferson. In seiner Rolle als Trucker „Rubber Duck“ spielt er die größte fahrende Autopresse der USA und walzt alles platt, was sich ihm in den Weg stellt – oder nicht schnell genug vor ihm herfährt. Die ausgebeuteten und unter unmenschlichen Termindruck gesetzten Paketdienstangestellten, die unter der Androhung des Arbeitsplatzverlustes ihre Sprinter täglich über die linke Spur treiben, sind dagegen Fahranfänger.

Der Steuermann eines Opel Corsas auf der rechten Spur neben mir glaubt doch tatsächlich, dass das Schild „Tempo 80“ weiterhin Gültigkeit besitzt. Nicht aber für „Rubber Duck“, dessen Lkw mittlerweile an des Corsas Stoßstange klebt. Um das Verkehrshindernis dazu zu bringen, seine Geschwindigkeit zu erhöhen, fährt der Trucker alles auf, was er hat. Dem die Nacht durchdringenden Horn folgt eine Lichthupe vom allerfeinsten. Plötzlich ist es taghell auf der Bahn. Aus drei Scheinwerfer-Ebenen – Dach, Kühler, Stoßstange – prasseln die Strahlen auf den Corsa ein und beginnen langsam die Nackenhaare des Fahrers anzusengen. Für diesen Augenblick ist das Wort „Energie“ erfunden worden! Die Illumination des Opels ist sogar so stark, dass ich kurz glaube, an dessen Windschutzscheibe das Röntgenbild des Fahrers zu erkennen.

Es ist das letzte was ich von ihm sehe. Aus Respekt vor den 40 Tonnen Stahl im Nacken und in Ermangelung von Schweißerbrille und Bleischürze, die mich notdürftig vor den Lichtblitzen schützen könnten, drücke ich das Gaspedal durch.

Tropfnass wie Sebastian Vettel nach einem Grand-Prix in den Tropen erreiche ich das Büro. 14 Minuten Fahrtzeit für die Strecke Dortmund-Essen. Nicht schlecht. Könnte mich dran gewöhnen – wenn ich beim nächsten Mal daran denke, Wechselkleidung einzupacken.

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