Das Tomatensaft-Rätsel

Glühwein schmeckt nur im Winter lecker. Klar. Damit reiht er sich ein in die Reihe von Getränken, die beim Konsumenten nur saisonal oder an bestimmten Orten eine Geschmacksexplosion vom Gaumen bis ins Hirn hervorrufen. Im Fall des süßen Kopfschmerz-Beschleunigers wäre das zum Beispiel der Weihnachtsmarkt. Ebenso ist Almdudler nur was für die Berge. Und irgendwie kommt bei einem Gin Tonic auch mehr Stimmung auf, wenn sich gerade Elefant und Löwe am Wasserloch in der Savanne Gute Nacht gesagt haben, als beim Anblick eines öligen Barkeepers in Düsseldorf. So weit, so bekannt. Aber warum wird Tomatensaft ausschließlich an Bord von Passagierflugzeugen getrunken? Ein Phänomen, dem hier auf den Grund gegangen werden soll.

Um das Rätsel zu lösen, habe ich mich in den vergangenen Jahren mehrfach in die Sitzreihen der Economy-Class namhafter und weniger gut beleumundeter Fluggesellschaften gepresst. Egal, ob man mit angeschwollenen Füßen auf der Langstrecke neben einem Weltreisenden im ausgeleierten Che Guevara-T-Shirt sitzt, der all seine Habseligkeiten in einem Fjäll Räven-Rucksack im Handgepäck verstaut hat oder bei der verkaterten Rückkehr vom Skatabend auf Mallorca neben einem von Sonne und Alkohol ausgetrockneten Frührentner Platz nimmt – die Wahl des Sitznachbarn fällt zu 90 Prozent auf Tomatensaft.

Woher stammt also die Attraktivität dieses Getränks, das in den Niederlanden aus schnittfestem, rotem Wasser gewonnen wird? Um mir in der Begründung wirklich sicher zu sein, unternahm ich vor ein paar Tagen einen letzten Flug. Die große deutsche Fluglinie mit dem dürren Vogel hat mich von A nach B gebracht. A ist in diesem Falle Tallinn. B steht für Frankfurt. Als ich gerade meinen Körper eingeklappt und in eine dem Sitzen ähnelnde Position gebracht habe, werde ich Zeuge, wie brutal Flugreisen doch sein können. Eine Familie – Vater, Mutter, die in vielerlei Hinsicht auch als Großeltern durchgehen könnten sowie eine ziemlich erwachsene Tochter – werden auf Grund der späten Buchung ihres Flugs jäh auseinander gerissen. Die Tochter muss vor mir in der linken Sitzreihe, die ein wenig füllige Mutter direkt neben mir und der Vater rechts des Ganges die 1.45 Stunden überstehen. Ein bitteres Familienschicksal. Kurz vor dem Start drückt die Mutter noch einmal die Hand des Hefezopfes vor mir, um sich dann ihrem Kampf mit der FAZ zu widmen. Im Prinzip ja keine schlechte Zeitung, wenn man in einem Café allein an einem Vierer-Tisch bequem sitzt. Aufgeschlagen in einer Sitzreihe, die offenbar von Hobbits produziert worden ist, jedoch  kaum geeignet für einen konfliktfreien Flug. Ständig habe ich den schlaff der Schwerkraft folgenden Trizeps ihres halbnackten Oberarms im Gesicht. Statt mich laut zu beschweren, wähle ich die subtilere Variante. Ich gebe während des knapp 100 Minuten dauernden Flugs vier Mal vor, auf die Toilette zu müssen, so dass „Readers Dickest“ immer mal wieder aufstehen muss. Doch das Wabbel-Tentakel soll nicht der einzig unerfreuliche Augenblick zum Thema Ekel-Fleisch bleiben.

Denn als Mahlzeit wird eine heiße Pappschachtel gereicht. Als ich mich mit dieser ungewöhnlichen Speise schon angefreundet habe, entdecke ich den Ursprung der Hitze. Eine längliche Teigrolle, die auf den ersten Blick an Bifi-Roll erinnert. Und richtig. In der Weizenstange schlummern zu einer dunkelroten Wurst gepresste Tierreste. Diese als „frischen Snack“ zu deklarieren, ist angesichts der Fleischskandale der jüngsten Zeit  schon ein wenig dreist. Meine Sitznachbarin ficht das nicht an. Damit sie das Antibiotika-Zäpfchen oral überhaupt verarbeiten kann, bestellt sie als Getränk – natürlich – Tomatensaft. Auf den Schock nehme ich einen Wodka. Nein besser zwei.

Bis auf die baltischen Geschäftsleute im Heck, die ebenfalls ihr „Wässerchen“ ordern, wählt nahezu der komplette Rest der Reisenden einen Tomatensaft. So wie auf allen anderen Flügen auch, denen ich bisher beiwohnte. Und nun meine These, warum dieses Zeug hundertfach geordert wird: Es ist das schlechte Gewissen der Passagiere. Hat mancher Urlauber in den vergangenen Tagen allen Ratschlägen seines Internisten zum Trotz tüchtig an Bar und Buffet zugelangt und seiner Weightwatcher-Tabelle weniger Beachtung als die komplett renovierte Christine Neubauer geschenkt, will er nun mit dem Verzehr des Tomatensafts einen ersten Schritt in Richtung gesunder Ernährung tun. Oft ist dann der Satz zu hören: „Lecker, warum  kaufen wir den nicht auch zu Hause?” Weil er dann nicht getrunken wird! Denn häufig sind die guten Vorsätze schon bei der Landung wieder vergessen…

Entschlossen, dieses ungeschriebene Gesetz zu brechen, landete eine Liter-Packung Tomatensaft beim ersten Einkauf nach dem Aufsetzen im Wagen und danach in meinem  Kühlschrank. Da steht er heute noch, unberührt, gleich neben dem Glühwein.

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3 Kommentare zu “Das Tomatensaft-Rätsel

  1. Pingback: Tomatensaft im Flugzeug | Ja gut, aber …

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