Über das Wichsen

Höchste Zeit, dass wir auch an dieser Stelle mal drüber reden. Es ist ja im Prinzip ein simpler Vorgang. Viele Menschen machten es früher täglich, manche auch nur ein bis zwei Mal in der Woche. Der großartige Helmut Berger, der leider viel zu zeitig das Dschungel-Camp verlassen musste, hatte es dem „Spiegel“ vor seinem Auftritt in dem niveaulosen Narrenkäfig sogar als seine Lieblingsbeschäftigung genannt. Erst langsam kreisende, dann immer schneller und kräftiger werdende Bewegungen — und am Ende herrscht Befriedigung. Etwa über einen sauberen Boden oder ein blitzendes Paar Schuhe.  Wichsen. Das bedeutet wachsen oder polieren. Nur leider verbindet heute beinahe jeder – und wohl auch Helmut Berger –  mit diesem Wort eine ganz andere Handlung. Aus der in der Regel auch kein glänzender Fußboden resultiert…

Wohl auch deshalb hat der Thienemann Verlag jüngst beschlossen, aus dem Kinderbuch „Die kleine Hexe“ von Otfried Preußler das Wort „wichsen“ zu streichen. Schade. Dass früher gebräuchliche, aber diskriminierende und rassistische Wörter wie „Neger“ oder „Negerkönig“ (in Pippi Langstrumpf heißt er seit 2009 Südseekönig) ersetzt bzw. herausgenommen werden, ist ja noch verständlich. Wer heute so etwas sagt, will beleidigen. Das muss in Kinderbüchern nicht sein.

Aber wichsen? Einen ehrbaren Akt zur Pflege des Parketts, zur Erhaltung des Schuhwerks einfach so dem Wortschatz der Kinder vorzuenthalten, ist ein Skandal. Damit geht zudem vielen kommenden Generationen von Jungs und Mädels, die beschließen, sich einer Straßenbande anzuschließen, ein wichtiges Synonym verloren. Wer ein Opfer mal so richtig verkloppt, der hat ihn auch „durchgewichst“. So steht’s ebenfalls in „Die kleine Hexe“. Auch raffinierte, gar abgefeimte Typen, die voller Wagemut und einer Portion Kaltschnäuzigkeit ihre Ideen erfolgreich in die Tat umsetzen, dürfen demnach nicht mehr „abgewichst“ genannt werden. Das prangere ich an.

Am allerschlimmsten, ist aber die Sache mit den Schuhen. Ich kann mich erinnern, wie entspannend es früher war, auf der Terrasse den Fußballtretern wieder Glanz, den edlen Salonschleichern wieder Formvollendung zu geben – mit Schuhwichse. Auftragen, polieren. Wie bei Karate-Kid. Das Zeug gab es in jedem Schuhladen und wurde dem Kunden beinahe unaufgefordert in die Tüte gelegt. Heute bekommt man dort nur noch irgendwelche obszön teuren Spraydosen mit Nanopartikeln drin. „Am besten zweimal die Woche mehrmals einsprühen“, heißt es aus dem Mund der Verkäuferinnen. Dann blieben die Schuhe lange schön. Genau. Und die 12,50-Euro-Büchse ist nach zehn Tagen leer und man muss eine neue kaufen….Wenn sie nicht ohnehin schon vorher den Geist aufgibt und anstatt einer breit streuenden Pflegewolke (bitte NICHT in geschlossenen Räumen ausprobieren) nur ein feuchtes Rinnsal aus der Düse lässt. Find’ ich schlimm. Längst hat das Schuhe putzen seine entspannende Wirkung für mich verloren. Ich will wieder wichsen. Mal sehen, was sie im Schuhladen dazu sagen….

2 Kommentare zu “Über das Wichsen

  1. Recht haste, Toni!!
    Ich kann mich auch noch gut erinnern wie ich meine Fußballschuhe eingewichst habe, das war ein cooles Ritual!!!

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