Rainer Bredouille, Sexismus und ich

Seit einer Woche diskutiert das Land über den Sexismus der Menschen im alltäglichen Umgang miteinander. Na gut, außer der Spiegel, der macht auf mit der Brillant-Uhr von Eva Braun.

Der Auslöser der Chauvi-Debatte: Eine Stern-Reporterin hatte darüber geschrieben, wie FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle sie auf plumpe Weise am Tresen angemacht habe – vor  einem Jahr. Rainer Brüderle ist deshalb in der Bredouille. Menschen zeigen auf ihn, mit dem NACKTEN Finger. Doch er schweigt. Das hatten wir gemeinsam, der Rainer und ich. Denn auch ich habe bis jetzt keine Worte zu diesem Thema gefunden. Aus Scham.

Ja, auch ich bin ein Sexismus-Opfer geworden. In einer Zeit, in der ich mich nicht wehren konnte. Als Werkstudent. Die Täter. Frauen! War schlimm. Es ist nun Zeit, darüber zu reden. In Absprache mit meiner Therapeutin, meinem Pastor und meinen zwei Twitter-Followern, die alle meinen, dass dieses Ereignis der Öffentlichkeit nicht mehr vorenthalten werden dürfe, habe ich mich zu diesem Schritt entschlossen. Aber dazu später mehr.

Zunächst einmal was Grundsätzliches. Ich kenne mich zwar mit dem Ausfüllen von Dirndln nicht aus, aber aus dem Mund eines 67-Jährigen klingt es für Frauen einfach nicht gut, wenn er ihr versucht durch die Blume zu sagen, dass das Holz vor ihrer Hütte für einen ganzen Winter reichen könnte. Selbst wenn der Charmeur erst 27 Jahre alt wäre, es wäre wohl nur ein bestimmter Typ Frau auf Anhieb empfänglich für solche Komplimente. (Bitte Namen und Adressen in der Kommentarleiste eintragen, Zuschriften mit Bild erwünscht!).
Die Mehrheit der Damenwelt findet derartige Maschen doch wohl eher grob und schlüpft durch sie hindurch. Selbstverständlich nicht ohne völlig zu recht Verachtung zu zeigen. So fern es sich nur um den versuchten Flirt eines fremden Jägers am Tresen handelt, können Frauen die Balzerei getrost unter der Rubrik „Neue Geschmacklosigkeiten“ verbuchen und es dabei belassen. Wer „schicke Titten“ sagt, um erfolgreich eine Frau kennen zu lernen, ist entweder Atze Schröder oder Mitglied in einem Sauna-Club. In die Augen, Männer, in die Augen des Weibes müsst ihr schauen! Das sagt schon Will Smith als der Date-Doctor. Schenkt ihnen Höflichkeit und Respekt, das sind die Erfahrungen von Lothar Matthäus. Und der kriegt sie alle…

Ist ja alles schön und gut. Schlimm und fies wird es erst, wenn sich die Frau in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Mann befindet. Er Chef oder wichtiger Kunde ist. Dann Frauen mit eindeutigen Angeboten in eine kompromittierende Situation zu bringen, ist einfach nur schlecht und zu verurteilen.

Umgekehrt geht das aber auch.

In einer großen deutschen Stadt war ich während des Studiums bei einem großen Unternehmen als Werkstudent beschäftigt. Handlanger mit Vordiplom. Auf einer Messe habe ich die schönen Produkte des Hauses angepriesen. Nebenan kochte live so ein Showkoch irgendwas Leichtes aus Asien. Zwei Frauen des Unternehmens, in diesem Moment meine Chefinnen, schnatterten sich an dem Stand langsam in meine Nähe. Bis ich sie gut hören konnte. Dabei gingen sie der Frage nach, ob ich so was nicht auch bei ihnen daheim machen wollte. So in der Küche den Hengst spielen. Allerdings nur mit einer Schürze bekleidet. Die beiden wollüstigen Damen, schätze damals so Ende 30, Anfang 40, garnierten ihre Fantasien noch mit der Vorstellung, dass ich anschließend ja auch noch die Küche putzen könnte. Nackt. Sie blickten mich erwartungsfroh an, als ob sie gerade alle drei Bände „Shades of Grey“ gelesen hätten, die zu diesem Zeitpunkt ja noch gar nicht erschienen waren. Seit diesem Tag habe ich diesen leicht rötlichen Teint im Gesicht und eine Abneigung gegen die Reinigung von Küchen! Vor Pein berührt, konnte ich diesen Anschlag auf meine Würde nicht angemessen kontern. General Schwartzkopf war schon pensioniert und Domian nicht erreichbar. Ich sagte so etwas wie „Nananananana…“, hob tadelnd den Zeigefinger und trottete davon. Irgendwo war bestimmt etwas aufzuräumen.

Beschweren? Ich wäre ja ausgelacht worden. Zudem war ich jung und brauchte das Geld.

Mittlerweile, also eigentlich schon auf dem Weg von besagter Messe nach Hause, habe ich das Erlebte verarbeitet. Ist ja im Prinzip kein schlechtes Gefühl, begehrt zu sein. Wir leben nun einmal in einer völlig sexualisierten Welt. Aber mit ein wenig Niveau sollte die Begierde schon formuliert sein. Dabei seine Macht auszunutzen ist scham- und stillos. Das gilt auch für Frauen!

So! Das musste mal gesagt werden. Muss jetzt Schluss machen. Auf RTL kommt der Bachelor.

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