Auf Augenhöhe mit: Lucien Favre

Lucien Favre ist ein eigentlich ein netter Mensch. Der Trainer von Borussia Mönchengladbach hat so einen süßen französischen Akzent, der ja gerade bei uns, die wir mit einem besonders hart klingenden Idiom sprechen, Türen und Herzen öffnen kann. Wenn er über Fußball redet, wachsen seine Augen auf Manga-Größe an. Er wirkt dann wie der kleiner Junge aus dem Fernsehen, dem Mutti vom Einkaufen ein Überraschungsei mitgebracht hat. Die personifizierte Begeisterung. Mehr Brasilianer als Schweizer. Im Grunde also ein angenehmer Zeitgenosse.
Aber wehe, man begegnet ihm nicht höflich genug. Dann gibt er die berühmte schweizer Neutralität auf und zückt sein verbales Offiziersmesser. Wie am Sonntag. Er fühlte sich nicht respektvoll genug behandelt, als ihm ein TV-Reporter nach dem Spiel in Nürnberg (wohlgemerkt, eine Niederlage) beim Interview nicht in die Augen schaute. Ist natürlich auch keine feine Art. Doch womöglich hat sich der Journalist nur an das Verhalten am Spielfeldrand angepasst, das ihm und seinen Kollegen von den Spielern, Trainern und Funktionären der Fußball-Bundesliga-Clubs jede Woche entgegengebracht wird. Denn kaum einer der Einkommensmillionäre schaut seinem Gesprächspartner während des Dialogs ins Gesicht. Der Blick schweift entweder Oliver Kahn gleich und der Welt entrückt in den Abendhimmel oder aber weit ins Stadionrund ab. Sollten weder mangelnde Aufklärung über übliche gesellschaftliche Umgangsformen seitens ihrer Eltern, Manager oder Berater noch fehlender Respekt vor den Beschäftigten der Medienbranche die Ursache dieses Gebarens sein, kann es dafür nur drei Gründe geben:
1. Pressesprecher oder Medienberater halten den häufig eher mit cerebraler Basisausstattung gelieferten Spielern – also nicht selbstdenkend – große Papptafeln hin, auf denen Antworten stehen wie a) Jagutsicherlich,aber… b) Bin ich ich stolz auf Mannschaft c) Am Trainer liegt’s nicht…
2. Sie versuchen festzustellen, ob die Niederlage mit einer ungünstigen Sternenkonstellation zu erklären ist.
3. Sie wollen sichergehen, dass ihre Spielerfrau auch den richtigen Ausgang findet und sich nicht wieder von Wolfgang Feiersinger aus dem Stadion führen lässt.

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